Die Welt ist digital, vernetzt – und verletzlich. Während Technologien ganze Branchen revolutionieren, wächst gleichzeitig die Unsicherheit: Daten werden zu Waffen, Netzwerke zu Zielscheiben, Partnerschaften zu geopolitischen Spannungsfeldern.
Beim Internationalen Logistiksommer (ILS) 2025 in Leoben diskutierten Expert:innen aus Wirtschaft, IT und Forschung darüber, wie Europa seine digitale Resilienz stärkt – und wie viel Zusammenarbeit es dafür braucht.
Am Podium: Wolfgang Schwarzbauer (EcoAustria), Wolfgang Bachler (bachler & partners), Gerald Hofer (KNAPP), Bernhard Schmaldienst (Transporeon), Philipp Trummer (ITanic) und Hella Riedl-Rabensteiner (Geodata IT Graz). Moderiert wurde das Gespräch von Michaela Holy vom Industriemagazin / DISPO.

Wenn Daten zur Waffe werden
„Cybercrime ist die größte Bedrohung für die Logistik und die Wirtschaft insgesamt.“
Mit diesen Worten eröffnete Wolfgang Bachler die Diskussion – und zeichnete ein realistisches Bild einer Branche, die längst Teil geopolitischer Konflikte geworden ist. Hackerangriffe, Spionage, gezielte Störungen von Lieferketten: Krieg und Wirtschaft verschmelzen im digitalen Raum.
Philipp Trummer, Gründer des Cybersecurity-Unternehmens ITanic, beschrieb den neuen Alltag:
„Die Bedrohungslage ändert sich jede Sekunde. Krieg war immer schon ein Technologietreiber – heute ist er ein Datenkrieg.“
Was früher Firewalls und Antivirensoftware waren, ist heute ein komplexes Sicherheitsökosystem. Unternehmen müssen wissen, wo sie verwundbar sind – und wo sie ansetzen können. Für kleine und mittlere Betriebe seien einfache Cyberchecks mit „Quick Wins“ oft der beste Anfang: 80 Prozent der Risiken lassen sich mit überschaubarem Aufwand minimieren.

Zwischen Verantwortung und Vertrauen
Gerald Hofer, CEO der KNAPP AG, kennt die Risiken aus eigener Erfahrung – und weiß, dass es im Ernstfall nicht um Technik, sondern um Haltung geht.
„Wir führen regelmäßig Cyber-Krisenübungen durch, bei denen alle Systeme abgeschaltet werden“, erzählte er. „Nur so erkennt man, wo die wahren Schwachstellen liegen – und wer wirklich Verantwortung übernimmt.“
Doch anstatt Unterstützung erfahren Unternehmen nach einem Angriff oft Kontrolle:
„Wenn du Opfer eines Cyberangriffs wirst, steht am nächsten Tag die Behörde vor der Tür – aber nicht, um zu helfen, sondern um zu prüfen, ob du Strafen bekommst.“
Hofer fordert eine Kultur, die Fehler zulässt und Lernen fördert. „Wir müssen aufhören, Schuldige zu suchen. Der Täter ist der Angreifer, nicht das Opfer.“
Diese Offenheit, so waren sich die Diskutierenden einig, ist die Grundlage für digitale Resilienz – eine Fähigkeit, die Europa dringend braucht.
Europas Rolle im digitalen Zeitalter
Europa, so Bernhard Schmaldienst von Transporeon, stehe an einem Wendepunkt. Zwar dominierten US- und chinesische Konzerne die Basistechnologien der Künstlichen Intelligenz, doch auf der Anwendungsebene – dem sogenannten Applikationslayer – sei noch alles offen.
„Wir haben die Chance, in Europa digitale Souveränität durch Qualität, Ethik und intelligente Datenstrategien zu schaffen.“
Für ihn sind drei Dinge entscheidend: Unternehmen müssen wissen, welche eigenen Daten sie haben, Vertrauen als Markenwert begreifen und Netzwerkeffekte aktiv nutzen. Kooperation sei dabei der Schlüssel – aber Europa neige noch zu stark zur Überregulierung.
„Wir diskutieren oft, wie wir den Kuchen verteilen, bevor wir ihn gebacken haben“, sagt Schmaldienst.

Kooperation statt Abschottung
Wolfgang Schwarzbauer von EcoAustria griff diesen Gedanken auf. Für ihn ist die Lösung nicht Rückzug, sondern Zusammenarbeit:
„Wir müssen Europa als gemeinsamen Faktor begreifen. Fragmentierte Kapitalmärkte und nationale Egoismen schwächen unsere Innovationskraft.“
Die reflexhafte Reaktion vieler Staaten, alles wieder „nach Hause zu holen“, sei zu kurz gedacht. Stattdessen brauche es eine intelligente Diversifikation, die auf Partnerschaften und strategische Offenheit setzt.
„Nicht alles muss in Europa produziert werden – aber Europa muss wissen, mit wem es zusammenarbeitet und wie Abhängigkeiten verteilt sind.“
Digitalisierung mit Augenmaß
Auch Hella Riedl-Rabensteiner von Geodata IT Graz blickte kritisch auf den Stand der Digitalisierung:
„Ein digitales Rezept oder eine Online-Rechnung ist noch keine echte Digitalisierung. Das ist bestenfalls Verwaltung mit anderen Mitteln.“
Sie sieht Österreichs große Chance darin, Systeme zu vernetzen, Schnittstellen zu schaffen und Datenströme nutzbar zu machen. Dafür brauche es Investitionen in Infrastruktur – aber vor allem Menschen, die mit Digitalisierung leben können.
„Wir müssen lernen, Technologien zu gestalten – nicht nur sie zu bedienen.“
Zwischen Angst und Aufbruch
Veränderung macht Angst – das ist menschlich. Doch genau darin liegt die Aufgabe von Führung.
Gerald Hofer brachte es auf den Punkt:
„Natürlich verlieren Menschen durch Digitalisierung auch Arbeitsplätze. Aber noch mehr entstehen neue – und oft bessere. Wir haben kein Arbeitslosigkeitsproblem, sondern ein Arbeitskräftemangel-Problem.“
Es gehe darum, Produktivität zu erhöhen und Wohlstand neu zu denken – weniger in Stunden, mehr in Wirkung. Digitalisierung sei kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung, um das europäische Sozialmodell langfristig zu sichern.

Ein neuer europäischer Weg
Am Ende der Diskussion war klar: Digitalisierung und Geopolitik sind keine getrennten Welten, sondern zwei Seiten derselben Realität.
Cybersecurity, Datenhoheit, Fachkräfte und Innovation – sie entscheiden darüber, ob Europa im digitalen Zeitalter nur mitspielt oder mitgestaltet.
Wolfgang Bachler fasste es am Schluss zusammen:
„Echte Resilienz entsteht nicht aus Angst, sondern aus Vernetzung, Transparenz und Vertrauen.“
Europa hat die Werkzeuge – Daten, Wissen, Technologie.
Jetzt braucht es Mut, Verantwortung und Zusammenarbeit, um daraus eine digitale Identität zu formen, die Sicherheit und Freiheit verbindet.
Ausführlicher Bericht hier: https://dispo.cc/intralogistik/cybercrime-ist-eine-der-groessten-bedrohungen-in-der-logistik/
Danke an unseren Kooperationspartner DISPO – Magazin der WEKA Industrie Medien und der fachkundigen Moderation durch Michaela Holy.


