DIGITAL EMPOWERMENT – Wie Logistik zur intelligenten Infrastruktur der Zukunft wird


Das #ILS2025 Jahresthema

Die Logistik ist weit mehr als ein Wirtschaftszweig – sie ist die kritische Infrastruktur unserer globalen Wertschöpfung. Ob Produktion, Handel, Gesundheitswesen oder Energieversorgung: Ohne funktionierende Lieferketten steht alles still.

In Österreich stellten Logistikdienstleistungen 2023 einen Umsatz von ca. 35 Mrd. € und beschäftigten über 165.000 Personen – eine deutlich wachsende Schlüsselbranche, die weit über Transitfunktionen hinaus in europäische Lieferketten integriert ist. Deutschland erreichte 2023 rund 335 Mrd. € Logistikumsatz bei über 3 Mio. Beschäftigten, während die Schweiz im selben Jahr ein Marktvolumen von ca. 44,7 Mrd. CHF verzeichnete, was etwa 1,4 % Wachstum gegenüber 2022 entspricht. Gemeinsam bilden die drei Länder das DACH-Rückgrat der europäischen Logistikinfrastruktur.


Zwischen Transformation und Disruption

Volatile Märkte, regulatorische Auflagen, Fachkräftemangel, geopolitische Unsicherheiten und Kostendruck fordern die Branche heraus. Gleichzeitig entstehen durch Digitalisierung, Automatisierung, KI und Plattformökonomie nie dagewesene Hebel für Effizienz, Transparenz und Resilienz. Dabei geht es nicht um einzelne Tools, sondern um einen strukturellen Wandel, der das Denken, Entscheiden und Handeln in der Logistik grundlegend transformiert. Digital Empowerment beschreibt diesen Paradigmenwechsel: das gezielte Befähigen von Menschen, Organisationen und Prozessen durch intelligente Technologien. Wer diesen Wandel verschläft, riskiert Stillstand im doppelten Sinn: operativ und strategisch.


Wo wir stehen: Digitale Reife in der DACH-Region

Laut Bitkom nutzen bereits über 60 % der Logistikunternehmen IoT-Lösungen, fast 70 % setzen Cloud-Technologien ein. Rund ein Fünftel arbeiten mit KI, mehr als die Hälfte planen den Einstieg. In Österreich entstehen mit Initiativen wie dem ASCII (Austrian Supply Chain Intelligence Institute) erste datenbasierte Frühwarnsysteme zur Resilienzsteigerung. Die Plattform verknüpft Wirtschafts-, Transport- und Infrastrukturdaten in Echtzeit, um Risiken frühzeitig sichtbar zu machen. Auch in der Schweiz und in Deutschland nimmt die datenbasierte Steuerung Fahrt auf: Digitale Zwillinge von Lagerstandorten, Control Towers für Transportnetzwerke, KI-basierte Disposition sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern gelebte Praxis.

Von Plattformen und digitalen Champions Digitale Plattformen wie sennder, Forto oder Transporeon zeigen, dass datenbasierte Geschäftsmodelle Skalierbarkeit, operative Exzellenz und Investoreninteresse vereinen. Forto und sennder wurden jeweils mit über 1 Mrd. USD bewertet, Transporeon 2023 für knapp 1,9 Mrd. € an einen US-Konzern verkauft. Diese Entwicklung zeigt: Logistikunternehmen mit klarer Digitalstrategie erzielen nicht nur operative Vorteile, sondern steigern auch ihren Unternehmenswert. Sie verkörpern das, was viele Mittelständler noch vor sich haben: eine konsequente Digitalisierung des Kerns und ein klarer Fokus auf Datennutzung als Werttreiber.


Führung neu denken: Digital Empowerment als strategische Aufgabe

Digitalisierung darf kein IT-Projekt sein, sondern muss aus der Unternehmensführung heraus gestaltet werden. Strategisches Digital Empowerment verlangt eine klare Vision, gezielte Investitionen, passende KPIs und eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung. Nur wer Digitalisierung als integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie versteht, wird zukunftsfähige Logistikprozesse aufbauen. Das bedeutet auch, Verantwortlichkeiten neu zu definieren: Die Rolle des Chief Logistics Officer muss sich zur digitalen Orchestrierungseinheit weiterentwickeln.


Daten als Schlüssel zur Resilienz

Daten sind das Betriebskapital der Logistik. Wer heute in Echtzeit Entscheidungen treffen will, braucht Zugang zu validen, vernetzten und analysierbaren Informationen. Supply Chain Visibility, Predictive Analytics und digitale Zwillinge ermöglichen eine Steuerung, die schneller, sicherer und resilienter ist als klassische Planungsmodelle. Besonders in einer Welt permanenter Unsicherheit wird Datenkompetenz zur Schüsselressource – quer durch alle Ebenen der Organisation.


Kooperation wird zur Infrastrukturfrage

Die Plattformökonomie verlangt ein neues Denken. Nicht Abschottung, sondern Integration ist gefragt. Wer frühzeitig Schnittstellen standardisiert, partizipiert an Netzwerkeffekten und bleibt steuerungsfähig. Insellösungen hingegen verlieren in der vernetzten Logistik-Welt an Bedeutung. Beispiele wie Open Logistics Foundation oder gemeinsame Standards für eCMR zeigen, dass Kollaboration auch im Wettbewerb möglich ist. Die Zukunft gehört denen, die gemeinsam schneller werden.


Der Mensch im Zentrum des Wandels

Gleichzeitig erfordert der Wandel auch eine neue Qualifikationsstrategie. Der Fachkräftemangel ist akut: In ganz Europa fehlen Fahrer:innen, Lagerlogistiker:innen, IT-Fachkräfte. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an digitale Kompetenz quer durch alle Funktionen. Wer diesen Wandel meistern will, braucht Programme zur Aus- und Weiterbildung, neue Ausbildungsprofile und gezieltes Employer Branding. Digital Empowerment beginnt bei den Menschen, nicht bei der Software.


Nachhaltigkeit ist datengesteuert

Die Lieferkettenrichtlinie der EU (CSRD) sowie steigende ESG-Erwartungen von Kunden und Investoren verlangen transparente CO₂-Bilanzen, Auditierbarkeit und Verantwortung über die gesamte Supply Chain hinweg. All das ist ohne digitale Tools nicht mehr machbar. Nachhaltigkeit wird so zur datengetriebenen Managementaufgabe. Unternehmen, die heute in messbare Transparenz investieren, sichern sich morgen Wettbewerbsvorteile und Marktakzeptanz.


Innovationen gemeinsam gestalten

Kaum ein Unternehmen kann alle Innovationsschritte allein stemmen. Österreichs besondere Stärke liegt in seiner Kooperationskultur. Der Schulterschluss mit Start-ups, Forschungsinstituten und Technologiepartnern wird zum Katalysator für angewandte Innovation. Auch Deutschland und die Schweiz bringen mit ihren Förderlandschaften, Exzellenzclustern und Digital-Hubs wertvolle Impulse ein. Die große Chance für die DACH-Region liegt darin, ihre jeweiligen Stärken – von Skalierung bis Spezialisierung – in einer gemeinsamen digitalen Agenda zu bündeln.


Fazit

Für die ILS bedeutet Digital Empowerment nicht nur technologische Transformation, sondern ein neues Führungs- und Kulturverständnis in der Logistik. Es befähigt Unternehmen, schneller zu reagieren, smarter zu entscheiden und nachhaltiger zu wirtschaften. Österreich hat – mit starker Vernetzung, hoher Innovationskraft und strategischer Lage – das Potenzial, Vorreiter in der digitalen Logistik Europas zu werden. Deutschland bringt industrielle Tiefe und starke Plattformanbieter ein, die Schweiz punktet mit Prozessstabilität und High-Tech-Nischen. Jetzt gilt es, die Stärken der Region intelligent zu verbinden – über Sektoren, Grenzen und Systeme hinweg.

Denn eines ist klar: Ohne digital gestärkte Logistik läuft weder Transformation noch Wirtschaft. Jetzt ist der Moment, dieses Betriebssystem neu zu programmieren – mit Vision, Technologie und mutiger Umsetzung.



Quellen (Auswahl):

Bitkom (2022): Digitalisierung in der Logistik – https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Jedes-fuenfte-Logistikunternehmen-setzt-KI-ein

Bundesministerium für Digitales und Verkehr (2024): Logistikstandort Deutschland – https://bmdv.bund.de/SharedDocs/DE/Artikel/DG/logistikstandort-deutschland.html

GS1 Switzerland (2025): Logistikmarktstudie Schweiz – https://www.gs1.ch/de/insights/logistikmarktstudie

PwC (2023): Digitalisierung im deutschen Logistik-Mittelstand – https://www.pwc.de/de/branchen-und-markte/logistik/digitalisierung-logistikbranche.html

ASCII / BMDW (2023): Austrian Supply Chain Intelligence Institute – https://www.bmdw.gv.at/Service/ASCII.html

Presseinformationen von Forto, sennder, Transporeon (2022–2024):

Transporeon: https://www.transporeon.com/de/ressourcen/newsroom

Veröffentlicht am von

More Articles