Am Vortag des ILS Main Event 2026 wurde in der Helmut List Halle nicht nur über Zukunft gesprochen, sondern gemeinsam gekocht, diskutiert und gedacht. Zehn Gäste standen rund um die Kochinsel, kneteten und rollten Teig, füllten steirische Empanadas und tauschten sich dabei über Digital Confirmation, Technologie und die Veränderungen unserer Zeit aus.
Durch diesen besonderen Nachmittag führten Nina Zechner, stellvertretende Geschäftsführerin der IV Steiermark, und Kajetan Bergles von ILS 365.
Hinten, aber nicht abgehängt
Gerald Hofer, CEO der KNAPP AG, begann mit einer nüchternen Diagnose. Beim Thema Digitalisierung sei Österreich „ein Entwicklungsland“. Privat nutzten alle KI und Social Media ganz selbstverständlich, im Unternehmen brauche es Regeln und definierte Werkzeuge. Die gute Nachricht aus seinem Haus: Alles, was angeboten werde, werde mit Begeisterung angenommen.
Die Technik sei inzwischen reif genug, um nicht mehr wegzudenken zu sein, sagte Hofer. Ein Allzweckmittel sei sie nicht. Die größte Hürde sieht er in den Köpfen: Mitarbeitende haben Angst, ihr Wissen an eine KI abzugeben, „weil dahinter auch immer die Befürchtung steht: Braucht es mich dann noch?“ Hofer hält es mit Henry Ford. Auch bei der Fließbandfertigung habe man Massenarbeitslosigkeit befürchtet, gekommen seien mehr Wirtschaftsleistung und mehr Arbeitsplätze. „Ich bin eigentlich auch überzeugt davon, dass das auch mit dieser Technologie so sein wird.“
Thomas Gruber, Co-CEO von ProSiebenSat.1 PULS 4, sieht Europa unter Zeitdruck. Die großen Plattformen und KI-Modelle kommen aus den USA und China. „Wir sind schon extrem schnell, nur die sind noch schneller.“ Digitalisierung sei für seine Sendergruppe längst Alltag. Automatisiert werde, um produktiver zu werden, nicht um Stellen zu sparen. Seine Formel für den Content der Zukunft: Human Content, powered by AI.
Eva Liebmann, designierte Direktorin der Wirtschaftskammer Steiermark, kennt Brüssel aus eigener Arbeit. Die EU treibe den Aufbau von KI-Infrastruktur und Datenstrategien voran. Entscheidend sei eine Regulierung, die besonders KMU Luft lässt. Die Steiermark sei stark in Forschung und Entwicklung, „aber letztlich schaffen wir es nicht, diese innovativen Ideen dann in Geschäftsmodelle herunterzubrechen oder zumindest diese Unternehmen zu halten“. Hier brauche es den Dialog zwischen Land, Bund und Europa.
Was die KI nicht kopieren kann
Am deutlichsten wurde der Tisch, wenn es um das Menschliche ging. Matthias Göth, CEO von ONE Fortis, bewegt als Extremsportler schwere Lasten bis hin zu Flugzeugen. Er warnte: Digitalisierung und KI hätten „die Eigenschaft, dass sie die Menschen wieder voneinander trennt“. Umso wichtiger seien Formate, die zwei seiner Leidenschaften verbinden, „Essen und Reden, und zwar in der richtigen Reihenfolge“. Junge Menschen seien heute von Informationen überflutet und oft orientierungslos. Arbeitgeber und Arbeitnehmende müssten wieder enger zusammenrücken.
Patricia Kaiser, Model und Moderatorin, beobachtet, wie KI-Models ihre Branche verändern, und sieht darin vor allem eine Chance, Tiefe zu zeigen. „Du kannst alles kopieren. Du kannst Gesichter kopieren. Du kannst Stimmen kopieren. Nur das, was du in deinem Herzen drin hast, bleibt dir.“ KI nutzt sie selbst für Texte, ihre Videos schneidet sie bewusst selbst, und ihre Community merke den Unterschied. „Ich brauche nicht das Glatte. Ich brauche Charakter.“
Künstler Tom Lohner sieht KI als Werkzeug und Inspirationsquelle, so wie Michelangelo seine Gehilfen hatte. Sie helfe ihm bei Vorlagen und Bildbeschreibungen. Den Wert seiner Arbeit sieht er trotzdem woanders: „Ich glaube immer, dass Menschen etwas vom Menschen haben wollen.“ Wer ein Bild kaufe, kaufe den ganzen Prozess dahinter mit.
Das Navi und der Bauch
Wie Daten Entscheidungen verändern, erklärte Siegfried Zwing, CEO von redPILOT. Seine Software zeigt Prozesse in Logistikzentren nicht nur an, sie rechnet Wahrscheinlichkeiten und schlägt Lagerleitern und Schichtführern die beste Handlung vor, „wie ein Navi im Auto“. Bei den Menschen dahinter beobachtet er dieselben Typen wie beim Navi: die einen, die beweisen wollen, dass sie es besser können, die anderen, die blind folgen, auch wenn die Bergstraße offensichtlich zu schmal wird. „Es ist schon gesunder Menschenverstand und Entscheidungskompetenz trotzdem nötig.“
Daniel Alge, Market Development Manager bei Pepperl+Fuchs, beschrieb, wie sich die Rolle der Sensorik gewandelt hat. Früher lieferte ein Sensor nur Ja oder Nein, heute liefert er Informationen über den Zustand einer Maschine. Der Wert verschiebe sich vom einzelnen Produkt zur Information. Dafür brauche es offene Standards. Sein Bild dafür kam direkt aus der Küche: Fünf Köche aus fünf Ländern können nicht zusammen kochen, wenn sie nicht miteinander reden können. Und für alle, die noch am Anfang stehen: „Einfach probieren. Das ist ja wie beim Kochen.“
„Daten funktionieren wie ein Navi,
gesunder Menschenverstand bleibt trotzdem nötig.“
– Siegfried Zwing, redPILOT
Vertrauen und Schrittgeschwindigkeit
Mario Korditsch, Leiter Corporate Banking der Steiermärkischen Sparkasse, sprach offen über die Grenzen seiner Branche. Ob eine neue Technologie trägt, könne eine Bank nur schwer beurteilen. Man prüfe Geschäftsmodelle, Planrechnungen und Szenarien, „aber am Ende des Tages geht es um das Vertrauen in die handelnden Personen“. Beim eigenen KI-Einsatz gehe die Bank behutsam vor, weil sie mit hochsensiblen Kundendaten arbeitet. Die Herausforderung sei, „die richtige Schrittgeschwindigkeit zu finden“ und dabei niemanden zu verlieren, weder Kundinnen und Kunden noch Mitarbeitende.
Das Mitnehmen war auch für Günther Altenburger, Vorstand von Kellner & Kunz, das zentrale Thema. Wenn Bestellungen künftig automatisiert laufen, müssten Mitarbeitende höher qualifiziert werden. Kellner & Kunz schult deshalb selbst. Und er wünscht sich einen anderen Ton in der Debatte. „Wir haben ein bisschen ein Problem in der Gesellschaft, dass wir nur die Risiken sehen.“ Die Chancen müsse man gemeinsam mit den Mitarbeitenden ergreifen. Nina Zechner nahm das als Auftrag mit: „Wir sollten für mehr Euphorie sorgen.“
Perfektion ist langweilig
In der Schlussrunde blieb der Tisch beim Kochen. Patricia Kaiser war sich sicher, „dass Perfektion extrem langweilig ist“. Eine Anleitung helfe, „aber dann trotzdem sein Eigenes daraus machen“. Eva Liebmann wollte mitnehmen, „was den Unternehmen unter den Fingernägeln brennt“. Und Tom Lohner freute sich über die Trauben von Menschen, die sich am Ende um die Kochinsel gebildet hatten. „Es menschelt“, sagte er. Am nächsten Morgen ging es auf der Main Stage weiter.















Fotocredit: ILS365 | Kevin Legenstein

