Der Punkt, an dem Warten teurer ist
Bevor die Menschen sprechen durften, hatte der Roboter das Wort. „Ich bin ein wandelndes Resilienzproblem“, gab der humanoide Unitree G1 auf der Bühne der Helmut List Halle zu: Chips aus Taiwan, Software-Updates aus den USA, Strom im Idealfall aus Österreich. „Aber da bin ich nicht allein.“ Damit war das Thema des Vormittags gesetzt. Knapp zwei Stunden lang ging es am 14. Oktober darum, was der Standort braucht, wenn Lieferketten, Energie und Rohstoffe zu strategischen Fragen werden. Die Antworten kamen aus Wissenschaft, Kammer und Unternehmen, und sie waren erstaunlich konkret.
ILS Main Event 2026 | 14. 10. 2026 | Day 1, „Infrastructure & Mobility“, 11:15 – 13:00 Uhr
Doppelt abhängig
Margaretha Gansterer, die mit 1. Oktober 2026 Professorin für Transportwirtschaft und Logistik an der WU Wien, legte die Zahlen auf den Tisch. Bei vielen kritischen Rohstoffen ist Österreich vollständig vom Import abhängig. Ihr Beispiel war Kobalt, verbaut in Batterien und auch im Roboter, der gerade noch auf der Bühne stand. 75 Prozent werden im Kongo abgebaut, 70 Prozent des Weltbedarfs anschließend in China verarbeitet. „Wir haben eine doppelte Abhängigkeit.“ China sei längst die „Factory of the Factories“, vor allem bei Zwischenprodukten. Und die Spannungen dahinter seien „gekommen, um zumindest eine Zeit lang zu bleiben“.
Sebastian Kummer, langjähriger Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik der WU Wien, kennt China aus drei Jahren als Professor vor Ort. Sein Rezept klingt nach Finanzmarkt: Realoptionen. Unternehmen sollen sich Wege offenhalten, ohne sie gehen zu müssen. Das bedeutet mehr Lieferländer, Nearshoring und vor allem Wissen über die eigene Kette, „und zwar nicht nur vom ersten Lieferanten, sondern auch vom zweiten“. Gerade für den Mittelstand sei das eine Umstellung, weil Einkauf dort bisher oft passiv lief.
Panik verordnete Kummer trotzdem keine. Sein Schluss war ein Plädoyer für „eine wache Gelassenheit“, frei nach einem arabischen Sprichwort: „Geduld und Humor sind das, was uns durch die Krisen trägt.“

Sebastian Kummer | Margaretha Gansterer
Die Lösungen sind da, die Genehmigungen nicht
In der Runde danach wurde es politisch. Elisabeth Rothmüller-Jannach, Spartenobfrau Transport und Verkehr der WKO Kärnten und stellvertretende Bundesspartenobfrau, stellte die Frage, die viele im Saal kennen: „Warum dauern Genehmigungsverfahren einfach so lange?“ Die Unternehmen hätten die Lösungen, würden aber von überfordernden Regeln gebremst. Bei der Maut für E-Lkw sei eine große Erleichterung versprochen, doch je mehr E-Lkw fahren, desto stärker werde sie wieder zurückgefahren. „Da brauche ich Planungssicherheit, da brauche ich Investitionssicherheit.“ Ihr Gegenmittel: „Wir reißen einfach mal die Grenzen nieder“, und zwar die im eigenen Kopf, zwischen Branchen.
Gansterer drehte den Gedanken weiter in Richtung Forschung. „Wir brauchen Daten aus der Praxis“, sonst entstehe Forschung, die in Österreich niemand umsetzen kann. Wer Forschung aufgreift, halte nebenbei auch die gut ausgebildeten Absolventinnen und Absolventen im Land.
95 Prozent steigen nicht mehr aus
Wie Umsetzung trotzdem aussieht, zeigte Martin Treffer, CEO von Temmel Logistik. Vor dem Eingang parkte der vollelektrische „Super Panda“ aus Steyr, seit Kurzem Teil der Flotte. Temmel fährt seit 2017 elektrisch, damals mit zwei umgebauten MAN, die heute noch laufen. Heuer ersetzt das Unternehmen zehn Diesel-Lkw durch zehn elektrische. Geladen wird in Gleisdorf, mit 1,5 Megawatt Peak Photovoltaik am Dach und bald 12 statt 8 Ladepunkten. Der entscheidende Satz für eine Branche mit dünnen Margen: Auf den passenden Strecken könne man mit dem Diesel „auch kostentechnisch“ mithalten.
Die schönste Zahl des Vormittags hatte aber nichts mit Kosten zu tun. Viele Fahrer hätten gesagt, sie steigen sicher in keinen E-Lkw.
„Es hat sich dann herausgestellt, dass 95 Prozent von den Fahrern, die in einen Elektro-Lkw eingestiegen sind, nicht mehr ausgestiegen sind.“
– Martin Treffer

Talk mit Christian Clerici, Elisabeth Rothmüller-Jannach, Martin Treffer, Margaretha Gansterer und Jürgen Rechberger
Kerosin aus Strom
Jürgen Rechberger, Group Vice President bei AVL, holte die Energiefrage auf die globale Ebene. „Es ist auszuschließen, dass Europa über genug Energie selbst verfügen wird.“ Wasserstoff sei deshalb ein Resilienz-Werkzeug, weil er sich in vielen Weltregionen erzeugen lässt. Beim Pkw sieht er das Rennen entschieden: batterieelektrisch, „auch ohne jegliche Gesetzgebung“.
In seinem Impuls zeigte er, was AVL mit Solid Oxide Cells baut. Synthetisches Kerosin kostet heute drei bis vier Euro pro Liter, Airlines zahlen für fossiles 50 bis 80 Cent. Das AVL-Verfahren soll diese Kosten deutlich senken, gemeinsam mit Shell entsteht dazu eine Pilotanlage in Amsterdam. Für Green Steel entwickelt AVL ein Elektrolysemodul, das die Abwärme der Stahlproduktion nutzt. Und bei Rechenzentren, wo Gasturbinen auf Jahre ausverkauft sind, zählt nur noch eines: „Es geht um Time to Power.“ Sein Appell zum Schluss: „Wir müssen wieder optimistischer werden“, und Europa brauche endlich Risikokapital für die Skalierung.
Logistik wird Energiewirtschaft
Heimo Aichmaier, CEO von E.ON Drive Austria, hat die E-Mobilität in Österreich von Anfang an mitgeprägt. Ab 2009 leitete er zehn Jahre lang Austrian Mobile Power, das unter anderem Professor List mitgegründet hat. Seine These: Innovation braucht drei Säulen, nämlich Technologie, „Smart Regulation“ und soziale Innovation. Die dritte sei „das Schwierigste“. Jede und jeder verwalte ein eigenes Mobilitäts- und Energiebudget, privat, in der Abteilung oder für das ganze Unternehmen. Nur wisse kaum jemand, was es wirklich kostet. „Wir wissen nicht, was uns fossile Mobilität jeden Tag kostet.“ Wie greifbar das ist, zeigte er an sich selbst: Seine komplett KI-generierte Präsentation habe mehr CO₂ verursacht als seine elektrische Anreise aus Neusiedl.
Für den Lkw ist seine Botschaft klar: In Österreich kann der elektrische Kilometer schon heute günstiger sein als der mit Diesel, vor allem dank der Mautbegünstigung. E.ON Drive startet in Österreich ein Modell, mit dem Logistiker E-Lkw und Ladeinfrastruktur ohne Anfangsinvestition einsetzen können.
Und wer zahlt die Ladeinfrastruktur? Heimo unterscheidet drei Orte. Öffentliche Schnellladung finanzieren die Betreiber, dort laufe seit zwei Jahren eine Marktbereinigung. Am Arbeitsplatz gehöre der Ladepunkt zur Haustechnik, wie Licht und Klimaanlage, und damit zu dem, dem das Gebäude gehört. Zu Hause zahlt der private Haushalt. Gerade dort sieht er Potenzial: Ein Firmenwagen, der daheim statt an der Schnellladesäule lädt, spart dem Unternehmen Geld und braucht keinen Netzausbau. „Es ist endlich das Auto dort angesteckt, wo es schläft.“
Sein wichtigster Vorschlag für die Branche: Ladepunkte zwischen Logistikunternehmen technisch zu verbinden. Dann kann auch der E-Lkw des Mitbewerbers im eigenen Depot laden, zu Tarifen, die jedes Unternehmen selbst festlegt, abgerechnet beim Abstecken statt Monate später. Getestet sei das zwei Jahre lang in Österreich, jetzt sei es „ready to rock“. Kooperation statt Insellösung, genau das Thema, das sich durch den ganzen Block zog.


Heimo Aichmaier | Jürgen Rechberger
Zwei Surfbretter gehen nicht
Den Schlusspunkt setzte der C-Talk mit Sebastian Kummer, Heimo Aichmaier und Paul Janacek. Paul hat bei der Österreichischen Post die Zustellflotte auf der letzten Meile elektrifiziert, rund 8000 Fahrzeuge sind dort täglich unterwegs. Der Auslöser war Kostentransparenz. Beim Diesel stiegen die Instandhaltungskosten ab dem vierten, fünften Betriebsjahr steil an, beim E-Fahrzeug blieb die Kurve eine „Flatline“. 2019 fiel die Entscheidung für die vollelektrische letzte Meile, Graz wurde mit 200 Touren täglich zur ersten vollelektrischen Landeshauptstadt. Pauls Lehre daraus: „Man möchte immer gerne auf zwei Surfbrettern unterwegs sein, das geht nur nicht.“
Dass das Projekt ein Controller geführt hat, ist kein Zufall. „Wenn es ein reines Technologieprojekt gewesen wäre, hätte es mich nicht gebraucht.“ Gemeinsam mit Kummer arbeitet Paul jetzt an einem Whitepaper, das Unternehmen den Einstieg zeigen und „die Angst nehmen“ soll. Sein Fazit fasst den ganzen Block zusammen: Der Punkt, an dem Warten teurer ist als Umsetzen, „ist meiner Meinung nach erreicht“.

Heimo Aichmaier

Mehr Fotos, Videos und Rückblicke findest du hier:
Fotocredit: ILS365 | CH-photo
