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ILS 2026 | Trusted Intelligence – wem vertrauen wir, wenn Systeme mitentscheiden?

KI-Agenten ziehen in die Organigramme ein, Angreifer werden mit KI schneller. Beim ILS Main Event 2026 diskutierten EY, Magenta Telekom, GrECo, Saubermacher und DIGITAL2GO über Führung, Vertrauen und Sicherheit. 

„Irgendjemand bei Ihnen im Unternehmen entscheidet gerade, was Agenten so dürfen. Ich hoffe nur für Sie, dass Sie das sind.“ Mit diesem Satz beendete Patrick Ratheiser seine Keynote am Nachmittag des 15. Oktober. Der Director AI & Data bei Ernst & Young eröffnete damit die Session KI, Daten & Cybersecurity, die Wolfgang Eder moderierte. 

Patrick Ratheiser

Das unsichtbare Organigramm 

In vielen Unternehmen arbeiten inzwischen mehr Mitarbeitende, als im Organigramm stehen, sagte Ratheiser. Gemeint sind KI-Agenten, die recherchieren, Texte schreiben oder Projekte managen. Das Problem: Sie werden oft ohne Plan gebaut, haben keine Jobbeschreibung und keine Grenzen. Bei EY stehen die ersten Agenten deshalb mit eigenem Namen im Organigramm. Mehr Agenten bedeuten für Ratheiser nicht weniger Führung. „Wir brauchen sie in Zukunft viel präziser.“ 

Sein Bild dafür ist ein Fußballfeld. „Der Mensch definiert das Spielfeld, der Agent entscheidet den Weg.“ Menschen legen Ziel, Regeln, Grenzen und Qualität fest und tragen die Verantwortung. Damit hunderte Agenten nicht aus dem Ruder laufen, brauche es Schiedsrichter, also Agenten, die jede Kommunikation prüfen und melden, wenn eine Regel verletzt wird. 

Sorgen macht ihm die Karriereleiter. Junge Mitarbeitende lernten bisher, indem sie recherchierten, analysierten und Fehler machten. Genau diese Lernschleife nehme KI ihnen jetzt ab. Wer in Zukunft erfahrene Führungskräfte haben will, müsse diese Schleifen bewusst erhalten. Wissen lasse sich kopieren, Urteilskraft nicht. Für Ratheiser entsteht sie aus Fähigkeit mal Erfahrung und wird eine der wichtigsten Kompetenzen der Zukunft, gemeinsam mit Kreativität, Empathie und Kommunikation. „Die größte Gefahr ist nicht, dass KI für uns denkt, sondern dass wir aufhören, selbst Verantwortung für das Denken zu übernehmen.“ 

Im anschließenden Live-Voting nannte das Publikum Kontrollverlust und Cybersecurity als größte Sorgen bei autonomen Systemen. Beim Selbstcheck, wie gut die eigene Organisation für KI aufgestellt ist, schnitten Rollenklarheit und Governance am schwächsten ab. 

Werner Kraus | Martin Lang

Vertrauen will geübt werden 

Werner Kraus, CCO Business bei Magenta Telekom, kennt Technologiesprünge. Bei Glasfaser sei Vertrauen leicht gewesen, bei KI sei es eine andere Dimension. Magenta arbeitet nach Regeln des Telekom-Konzerns, die festlegen, wo KI eingesetzt wird und wo nicht. Sie gehen über den AI Act der EU hinaus. Eine Mitarbeiterumfrage habe trotzdem große Ängste gezeigt, vor Kontrollverlust und vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Darauf müsse das Management reagieren. 

In der Technik tue man sich mit KI leichter, sagte Kraus, weil dort schon lange mit statistischen Modellen gearbeitet werde. Schwieriger sei es im Vertrieb. Wenn KI-Assistenten ein Angebot vorbereiten, kommen sofort Jobsorgen auf. Dabei bleibe die eigentliche Aufgabe beim Menschen: zuhören, Empathie zeigen, mit Kundinnen und Kunden sprechen. Ratheiser kennt das Muster. Allgemeine Schulungsvideos helfen wenig. Wirksam seien Workshops, in denen Teams ihren eigenen Anwendungsfall bauen und selbst erleben, was möglich ist. 

Willibald Erhart | Oliver Lehner

Die offene Stadt 

Die Angriffe auf Unternehmen haben stark zugenommen, und KI beschleunigt sie zusätzlich. Kraus beschrieb, wie sich die Lage verändert hat. Früher habe ein Unternehmen einer Burg geglichen, die Firewall war das Tor. Heute sei es eine offene Stadt, in der alle mit ihren Daten auf Laptops und Handys unterwegs sind. Unternehmen unterschätzten, wie kritisch das geworden ist. 

Martin Lang, Regional Manager Steiermark bei GrECo, brachte es auf einen Satz: KI macht Unternehmen effizienter, „aber auch die Angreifer“. Früher sei Risiko sichtbar gewesen, ein Brand in der Halle. Heute sei der Schaden oft unsichtbar. Ein Phishing-Test per Mail reiche zur Sensibilisierung nicht mehr. Unternehmen könnten bei spezialisierten Dienstleistern gezielte Schein-Angriffe auf einzelne Abteilungen buchen. Und KI-Entscheidungen lassen sich künftig versichern, über Cyberpolizzen und die Managerhaftung. Diese Produkte seien bereits in Umsetzung. 

Patrick Ratheiser, Oliver Lehner, Willibald Erhart, Martin Lang, Werner Kraus und Wolfgang Eder

KI-Dividende und Stammdaten 

Wie ein Unternehmen KI breit einführt, zeigte Willibald Erhart, CDO von Saubermacher. Das Unternehmen arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt mit KI, etwa beim Wertstoffscanner im Sammelfahrzeug oder bei Touren, die auf Basis von Füllstandsensoren täglich neu geplant werden. Heute läuft ein konzernweites Programm unter dem Namen KI-Dividende: Jeder Bereich soll durch Automatisierung einen Ertrag an den Konzern ausschütten. Dazu gehören Schulungen von Basics bis Expertenlevel, regelmäßige „KI Fridays“, ein strukturiertes Ideenmanagement, eine Datenstrategie und ein Projekt, das für jede Abteilung die Skills von morgen beschreibt. Ratheiser nannte das Programm vorbildlich. 

Oliver Lehner, VP bei DIGITAL2GO, sprach für kleinere Unternehmen. Die Marke aus der KNAPP-Gruppe will vor allem KMU die Angst vor Digitalisierung nehmen. Eine eigene Studie zeigte, wer in Unternehmen das Thema vorantreibt: auffallend oft die Logistikverantwortlichen. Und Lehner erinnerte an die Basis: Ohne saubere Stammdaten funktioniere weder ein Webshop noch ein vollautomatisiertes Lager. Ein Roboter müsse wissen, ob er ein Produkt greifen oder ansaugen kann. 

Zum Schluss ließ Eder die Runde Sätze vervollständigen „Einer KI vertraue ich…” 

… sobald ich die Governance kenne, mit der sie arbeitet“, sagte Kraus. Lang ruft bei einem verdächtigen Anruf vom Chef per Videocall zurück. Und der beste Schutz gegen Cyberangriffe ist für Lehner, „sich damit zu beschäftigen und die Awareness zu schaffen“. 

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