#ILS2026

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ILS 2026 Recap | WHAT IF… die Fabrik früher weiß, was sie braucht als der Mensch?

Bevor es um Algorithmen ging, rollte ein Lieferroboter über die Bühne. Der Segway E1 unterbrach Wolfgang Eder mitten in der Überleitung und brachte ihm Äpfel und Schokolade. Ein sympathischer Gag mit ernstem Kern: Was passiert, wenn Systeme anfangen, selbst zu entscheiden? Moderator Markus Zottler von der Kleinen Zeitung formulierte die Leitfrage am Nachmittag des 14. Oktober so: Was passiert, wenn die Fabrik früher weiß, was zu tun ist, als der Mensch? Die Antworten kamen aus Forschung und Industrie, und sie waren erfrischend unaufgeregt.

Vom Weihwasserautomaten zur Autonomie 

„Vor dem Smudo kommt der Udo“, eröffnete Udo Traussnigg, Studienlehrgangsleiter Automatisierungstechnik an der FH CAMPUS 02, und hatte den Saal nach der Mittagspause sofort wieder. Seine Geschichte der Automatisierung beginnt beim Weihwasserautomaten des Heron von Alexandria im ersten Jahrhundert: Münze rein, definierte Menge raus. Klassische Automatisierung folgt klaren Regeln. Der Tempomat ist ein Beispiel dafür, der adaptive Tempomat schon der nächste Schritt. Autonome Systeme entscheiden dann selbst, etwa über die eigene Route.

Spannend wurde es, als Traussnigg den Vergleich zur Führung zog. Wer nach Zielen führt statt nach Aufgaben, gibt Autonomie ab, an Menschen wie an Maschinen. „Autonomie heißt Freiheit geben, aber auch für den, der sie gibt, sich damit auseinanderzusetzen, dass die andere Person die Freiheit nutzt.“ Sein Vorschlag an alle Führungskräfte im Saal: Bei der KI haben wir gelernt, beim Prompten den ganzen Kontext mitzugeben. Genau das sollten wir bei unseren Mitarbeitenden auch tun. 

Für die Industrie skizzierte er drei Stufen: vom Menschen „in the loop“, der jede Entscheidung trifft, über die Kontrolle ganzer Prozesse bis zum Menschen „above the loop“, der nur noch Strategie und Ziele vorgibt. Wolfgang Eder hatte es vorher so zusammengefasst: „Wir müssen human in the lead bleiben.“ 

Markus Zottler mit Elma Alexandra Sadaj, Udo Traussnigg, Manfred Fuchs, Michael Kaspar und Volker Glöckle

Daten, mit denen niemand etwas macht 

In der Diskussion war schnell klar, wo der Engpass liegt. Manfred Fuchs, Managing Partner von ivii, arbeitet seit Jahren mit Bildverarbeitung und KI und blieb nüchtern: „Garbage in, garbage out.“ Viele Unternehmen säßen auf Datenbergen, „und tun nichts damit“. Sein Weg: neue Technologien genau beobachten, nicht auf jeden Zug aufspringen und dann gezielt in funktionierende Business Cases übersetzen.

Michael Kaspar, Head of Vertical Sales bei Siemens, zeigte am Beispiel PepsiCo, worum es beim digitalen Zwilling eigentlich geht. Ein digitales Abbild der Fabrik ist zu wenig. Entscheidend ist, zu verstehen, wie sich das System verhält, wenn sich etwas verändert, und es mit echten Betriebsdaten zu koppeln.

Michael Kaspar

Resilienz statt Lean 

Elma Alexandra Sadaj, Vice President bei SSI Schäfer, brachte den Alltag der Intralogistik auf die Bühne. Früher habe man Anlagen auf viele Jahre ausgelegt, schlank und maximal effizient. Heute plane man in einer Welt, in der Forecasts schnell veralten, und baue Puffer wieder auf. „Es gibt auch das Thema Überautomatisierung.“ Bei SSI Schäfer bleibe deshalb der Mensch der flexible Faktor, bis die nächste Automatisierungsstufe sinnvoll ist. Ihr Appell an Europa: Kooperation. Familiengeführte Unternehmen wie SSI Schäfer und KNAPP hätten gegen staatlich geförderte Giganten nur gemeinsam eine Chance.

Markus Zottler mit Elma Alexandra Sadaj

Die ehrlichste Antwort des Tages 

Dann kam die Frage an Volker Glöckle, Senior Vice President bei SICK AG: Wie kann man garantieren, dass ein autonomer Roboter sicher unterwegs ist? „Wenn ich eine ehrliche Antwort geben darf: heute gar nicht.“ Neben einem kleinen Industrieroboter würde niemand sein T-Shirt zurechtrücken. Bei einem Humanoiden, der sich frei bewegt, sei das anders. Und anders als eine automatisch geschriebene E-Mail spiele Logistik immer zurück in die physische Welt. Dafür fehle bisher das passende Regelwerk.

Statt euphorisch jedem Hype hinterherzulaufen, solle Europa seine Stärke nutzen: Applikationskompetenz. „Wir kennen die Applikation, wir können die Applikation beschreiben.“ Ob ein Problem mit KI gelöst wird oder nicht, sei dem Kunden „völlig egal“, solange es gelöst ist. Mit dabei hatte Volker einen Satz der Firmengründerin Gisela Sick: „Man muss mutig sein.“ 

Michael hielt dagegen, und genau das machte die Runde stark. „Das Einzige, was wir verlieren, ist Zeit.“ Sein Rat: vorne mitlaufen und die europäische Anwendungserfahrung dazunehmen. „Vollgas voraus.“ 

Teilen statt bei null anfangen 

Traussnigg löste den Streit auf seine Weise auf. KI werde nicht alles erschlagen, so wie früher die Fuzzy Logic. Trotzdem müsse man die passenden Anwendungsfälle finden, und das gehe nur gemeinsam. „Jeder kauft sich irgendeinen humanoiden Roboter, jeder startet bei null. Ich finde das volkswirtschaftlich eine Katastrophe.“ Sein Schlusswort galt einem Thema, das in jeder Halle relevant ist: Europa habe das Prozess-Know-how, „darauf können wir uns nicht ausruhen, aber wir müssen es beschützen“. Die Datenhoheit solle bei uns bleiben.

Volker Glöckle, Manfred Fuchs und Udo Traussnigg

Fotocredit: ILS365 | CH-photo

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