#ILS2026

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ILS 2026 Recap | Wie wird aus Circular Economy ein Industriesystem?

Wer seine Mülltonne vor die Tür stellt, will den Inhalt loswerden. Für Renato Sarc beginnt an dieser Stelle die eigentliche Arbeit. Der stellvertretende Leiter des Lehrstuhls für Abfallverwertungstechnik und Abfallwirtschaft (AVAW) an der Montanuniversität Leoben erforscht, wie aus gemischtem Abfall wieder Rohstoffe werden, die die Industrie einsetzen kann. Rechtlich muss ein Stoff dazu das Abfallende erreichen und vom Abfallrecht ins Produktrecht wechseln. „Das ist Ihre Welt“, sagte Sarc zum Publikum aus Logistik und Industrie. 

Partikel statt Tonnen 

Früher habe man in der Abfallwirtschaft über Tonnen pro Stunde, Haufen und Lkw-Ladungen gesprochen, sagte Renato Sarc. Heute gehe es um einzelne Partikel. Wer Abfall sortieren will, muss wissen, woraus jedes Teilchen besteht, und diese Information digital verfügbar machen. Sein Lehrstuhl hat dazu eine Partikeldatenbank aufgebaut, mit deren Hilfe Material per KI erkannt und sortiert wird. In einer eigenen Versuchsanlage lassen sich ganze Sortierprozesse im großen Maßstab nachbilden. Weil die Maschinen der Universität gehören, arbeitet das Team herstellerunabhängig. 

Warum das nötig ist, zeigte Sarc an einem Beispiel. Wer eine Katze fotografiert und ein KI-Tool fragt, bekommt präzise Auskunft. Beim Foto eines Abfallstücks bleibt die Antwort oft aus, weil die Datenbanken fehlen. Eine Flasche sieht im Supermarktregal anders aus als nach mehreren Schritten in der Sortieranlage. 

Carsten Pieter-Zimmermann mit Christian Clerici

Keine Charge gleicht der anderen 

Die meisten Branchen arbeiten mit gleichbleibenden Qualitäten. Die Abfallwirtschaft kennt das nicht. Nach jedem Frühstück und jedem Abendessen fällt anderer Abfall an, nach Weihnachten kommen Christbäume dazu, die es im Sommer nicht gibt. In einer Sortieranlage ändert sich die Zusammensetzung des Materials deshalb innerhalb von Sekunden. Sarc arbeitet an Anlagen, die ihre Leistung in Echtzeit an die Materialqualität anpassen. 

Auch die Menschen an den Sortierbändern sollen davon profitieren. Gemeinsam mit Siemens entwickelt der Lehrstuhl ein System, das Beschäftigte bei der händischen Sortierung digital unterstützt. Die Arbeit sei anstrengend und die Fluktuation hoch, sagte Sarc. Ob ein Stück Polyethylen ist oder nicht, soll künftig die Technik entscheiden. 

Seine Prognose: Wo heute einzelne Maschinen gebaut werden, entstehen in einigen Jahren intelligente Produktionssysteme, in denen Anlagen verschiedener Hersteller vernetzt sind und qualitätsgesicherte Sekundärrohstoffe liefern. Mittlere Qualität reiche nicht mehr, weil auch die Ansprüche der Industrie steigen. Abfälle zu verdünnen sei keine Lösung. „Die Rolle der Abfallwirtschaft ist, Abfälle verantwortungsvoll zu behandeln.“ 

Was heute schon läuft 

Im anschließenden Panel blieb Sarc auf der Bühne. Moderator Carsten Pieter-Zimmermann, CvD der Internationalen Wochenzeitung Verkehr, holte vier Gäste aus der Praxis dazu: Maximilian Schwab, Leiter Key Account Management Österreich und Regionalleiter Steiermark bei Energie AG Umwelt Service, Alexander Fetz, Sales EMEA bei Headwall, Henk Welleweerd, Head of Business Development bei NEDCON, und Richard Stralz, CEO von Mayr-Melnhof Holz Leoben. 

Schwab rückte zuerst ein Bild zurecht. Kreislaufwirtschaft gelte oft als Zukunftsthema, dabei funktioniere sie in manchen Bereichen „schon seit Jahrzehnten zum Teil extrem gut“. Altmetall geht fast vollständig zurück in die Hütten, Papier und Karton werden zum allergrößten Teil wiederverwertet. Grenzen gebe es trotzdem, sagte er mit Blick auf Speisereste: Aus einem Schnitzel lasse sich kein Schwein mehr zusammensetzen. In Biogasanlagen entstehen daraus aber Biomethan und Dünger. 

Probleme sieht Schwab bei Produkten, in denen Kunststoff, Papier und Metall billig miteinander verbunden sind. Hier sei auch beim Einkauf der Hausverstand gefragt. Bei der Regulierung wünscht er sich, dass das Abfallende leichter zu erreichen ist, damit mehr Material in den Kreislauf zurückkommt. 

Richard Stralz, Henk Welleweerd, Alexander Fetz, Maximilian Schwab und Renato Sarc

Material muss planbar sein 

Genau an diesem Punkt setzt Headwall an, das früher als EVK bekannt war. Das Unternehmen liefert Sensorsysteme, die Materialien in Sortieranlagen eindeutig bestimmen. „Material muss planbar sein“, sagte Fetz. Wer Rezyklat an einen Produzenten liefert, muss dessen Qualität vorher kennen, damit die Produktion stabil läuft. Bei den wachsenden Datenmengen solle künstliche Intelligenz helfen, daraus brauchbare Information zu machen. Sein Appell zum Schluss: Daten über das Material vernetzen, auch wenn es Aufwand und manchmal Mut braucht. 

Henk Welleweerd brachte die Perspektive eines Regalherstellers ein. NEDCON ist ein niederländisches Unternehmen und gehört zur voestalpine. In den eigenen Werken komme man mit den Klimazielen gut voran, sagte Welleweerd. Der große Brocken liege in Scope 3, im zugekauften Stahl. NEDCON bietet deshalb Stahl mit zertifiziert reduziertem CO₂-Fußabdruck an und liefert einen Teil seiner manuellen Regale damit ohne Aufpreis aus. „Keiner möchte dafür zahlen“, sagte er offen. Auf Nachfrage erklärte er das Modell: Die Einsparung entsteht in einer Vorproduktion in den USA, die mit Erdgas statt Kohle arbeitet, und wird den Kunden per Zertifikat zugeordnet. Technologisch bringe der neue Elektrolichtbogenofen der voestalpine in Donawitz den nächsten Schritt. 

Richard Stralz | Maximilian Schwab | Renato Sarc

Der ganze Stamm 

Richard Stralz konterte die Stahldebatte mit einem Augenzwinkern. Holz binde CO₂, und es gebe längst Hochregallager aus Holz. Mayr-Melnhof Holz will jeden Baumstamm möglichst vollständig und möglichst hochwertig nutzen. Aus den Brettern werden Brettsperrholz, Brettschichtholz und Schalungsplatten, aus den Sägespänen Pellets. Die Rinde liefert im eigenen Heizkraftwerk Wärme und Strom für die Produktion, die rindenfreien Hackschnitzel gehen in die Papier- und Zellstoffindustrie. Ziel sei, einen noch größeren Teil des Stamms in höherwertige Produkte zu bringen. 

Auch in der Logistik setzt das Unternehmen auf Strom. Elektro-Lkw transportieren die Produkte, im Werk fahren fast nur noch Elektrostapler. Die Skepsis sei anfangs groß gewesen, inzwischen „funktioniert es sehr gut“. Billiger sei Diesel noch immer, sagte Stralz, der Umstieg sei ein bewusstes Bekenntnis. Holzbauten halten Generationen, lassen sich danach zerlegen und in der Plattenindustrie weiterverwenden. Was im Wald geerntet wird, muss nach dem österreichischen Forstgesetz wieder aufgeforstet werden. 

Das letzte Wort hatte die Wissenschaft. Sarc erinnerte an das Prinzip der Kaskadennutzung: Je höher die Qualität, desto öfter lässt sich ein Material im Kreis führen. Dem Einwand, gründliche Aufbereitung koste selbst viel Energie, hielt er entgegen, dass dieser Aufwand im Vergleich zur Einsparung gegenüber Primärrohstoffen klein sei. Ohne Aufbereitung gebe es diese Einsparung gar nicht.

Alexander Fetz | Henk Welleweerd

Fotocredit: ILS365 | CH-photo

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