Der KitchenTalk ist für uns ein Format, das Komplexität runterbricht und Gespräche in persönlicher Atmosphäre ermöglicht. Wenn Menschen gemeinsam kochen, verändert sich der Austausch: Er wird direkter, persönlicher, weniger „Bühne“, mehr Werkstatt. Genau deshalb bauen wir hier eine Analogie zu unserem Jahresthema: So wie bei einer Bowl jede Zutat ihre Funktion hat und erst im Zusammenspiel ein stimmiges Ganzes entsteht, gilt das auch für digitale Reife. Ohne saubere Basis – Infrastruktur, Energie, Daten, Prozesse – bleibt Digitalisierung Stückwerk.
Beim KitchenTalk im thinkport VIENNA hat uns das Café Sperling kulinarisch durch den Nachmittag geführt: Während die Teilnehmer:innen ihre Bowls Schritt für Schritt zusammenstellten und dabei von Aurelio Nitsche und Andreas Sael unterstützt wurden, wurde am Tisch diskutiert, wie Resilienz, Kreislaufwirtschaft und digitale Reife im Realbetrieb zusammenfinden – und welche Hebel wir daraus für die nächsten Monate und das Main Event in Graz mitnehmen.
Leadership-Persönlichkeiten tauschen sich im Hafen Wien über Zukunftsmodelle der Wirtschaft aus
„Krisen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern der Taktgeber,“damit zog Martin Posset (thinkport VIENNA) eine Linie von 2015 bis in die Gegenwart – und machte damit klar, wie sehr sich die Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Logistik verändert haben. Die Botschaft dahinter war unmissverständlich: Wer weiter nach den Routinen von gestern steuert, wird von der Realität von morgen zuverlässig überholt.
Genau hier setzt unser Jahresthema an: „Digital Confirmation – Ohne Infrastruktur keine digitale Reife.“ Denn digitale Lösungen entfalten nur dann Wirkung, wenn die Grundlagen stabil sind – Energieversorgung, Datenströme, Verkehrsnetze, Menschen und Prozesse. Ohne dieses Fundament bleibt Digitalisierung schnell ein Versprechen, das im Ernstfall nicht hält.

(c) Monika Fellner
Der Hafen als Frühwarnsystem: Wenn sich draußen etwas dreht, merkt man’s drinnen sofort
Doris Pulker-Rohrhofer (Hafen Wien) brachte es früh auf den Punkt: „Die Krise ist mittlerweile Normalität geworden.“ Und gleichzeitig zeigte sie, was Resilienz in der Praxis bedeutet: Trimodalität, zwei starke Standbeine (Logistikdienstleistungen und Logistikimmobilien) und vor allem die Fähigkeit, schnell neue Wege zu gehen.
Ein Beispiel: Der Hafen Wien übernahm Logistik für den Wiener Gesundheitsverbund und liefert heute Waren direkt in Spitäler und Pflegeeinrichtungen – inklusive Umstellung interner Grundsätze und Umbau auf Kundenanforderungen. Ein anderes Beispiel: Eine neue Nutzungsidee am Standort brachte Filmwirtschaft in eine Logistikimmobilie mit allen Folgeeffekten in Wertschöpfung und Umfeld.
Monika Gindl-Muzik (WienCont) ergänzte das aus Terminalperspektive mit einem starken Bild: In der Pandemie wurde das Terminal plötzlich zum Großlager, weil Container als Sicherheits-Puffer im System dienten. Und heute zeigt sich die Volatilität anders: Verspätungen, Baustellen, „Fahrpläne als Fantasie“ – und die Notwendigkeit, im Betrieb ständig flexibel zu reagieren.
„Digitales Dach auf analogem Fundament“ – Österreich-Fokus ohne Scheuklappen
Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durchzog: Wir reden gern über Digitalisierung, KI und Automatisierung aber oft fehlt darunter das, was es braucht.
Norbert Adler (Wirtschaftskammer Steiermark, Sparte Transport & Verkehr) formulierte es treffend: „Wir versuchen immer digitales Dach zu bauen auf ein Fundament, das analog steht.“ Genau das ist der Kern von „Digital Confirmation“ – digitale Reife heißt: Erst das Fundament, dann die Skalierung.
Und damit waren wir mitten in der Frage, warum Wien und die Steiermark als Achse trotzdem wichtig sind, ohne sich auf ein einzelnes Projekt zu verbeißen: Wien als urbaner Knoten, Steiermark als industrieller Resonanzraum. Wenn das Zusammenspiel nicht funktioniert, wird’s teuer – wirtschaftlich wie gesellschaftlich.

(c) Monika Fellner
Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil
Ein Moment, der am Tisch richtig spürbar „klick“ gemacht hat, war dieser Perspektivwechsel: Nachhaltigkeit ist gerade dabei, vom hübschen Lippenbekenntnis zur handfesten Betriebsrealität zu werden. CO₂ sparen heißt in vielen Fällen schlicht: Kosten sparen. Und plötzlich schaut man auf vermeintliche Details mit anderen Augen. Ein Dach ohne Photovoltaik ist dann nicht mehr nur „eh schade“, sondern ein liegen gelassener Hebel. Zugespitzt formuliert: unterlassene Hilfeleistung am eigenen EBITDA. (Markus Himmelbauer, mission zero)
Auch Doris Pulker-Rohrhofer zeigte, wie dieser Anspruch konkret wird: PV-Anlagen, Elektrifizierung von Geräten und Fuhrpark, CO₂-Bilanz – und sogar eine Gemeinwohlbilanz in Arbeit. Nachhaltigkeit wurde hier nicht als Kampagne erzählt, sondern als Teil des Betriebs und der Verantwortung als Unternehmen im Stadt-Ownership.
Lukas Wessely (Energie AG Umwelt Service) brachte den Kreislaufgedanken pragmatisch auf den Boden: „Optimierung funktioniert miteinander, nicht gegeneinander – und bei Elektromobilität braucht es Lösungen, die zur Realität passen – z. B. Sammeltouren, die elektrisch sehr gut funktionieren, ohne dogmatisch zu werden.“
Stadtlogistik: Kleine Hebel, große Wirkung
Christian Holzhauser (Wirtschaftskammer Wien, Sparte Transport & Verkehr) machte sehr anschaulich, wie Stadtlogistik nicht durch große Sätze besser wird, sondern durch konkrete Werkzeuge:
- Ladezonenrechner: Ladezonen dort schaffen, wo der Bedarf wirklich ist – statt nach dem Prinzip „wer am lautesten ruft“. Ergebnis: weniger Kreise fahren, weniger Zeit verlieren, weniger Kilometer.
- Nextbox: eine Plattform für freie Boxen – nicht nur für Zustellung, sondern auch für Rückgabe/Repair-Logik.
„Es reicht nicht, E-Fahrzeuge zu fordern, Werkstätten, Ersatzteile, Schnelllader und Schwerverkehr-Infrastruktur müssen mitwachsen. Sonst wird Innovation zur Bremse.“
KI ist nicht Use Case – sie muss im Haus wohnen
Andreas Miller (KNAPP) brachte die Industrieseite sehr klar hinein: KI darf nicht als Schlagwort oder Einzelprojekt verstanden werden, sondern als inkrementeller Bestandteil der Systeme. Automatisierung ist häufig der größte CapEx-Entscheid in der Firmengeschichte – und wird aus Wachstums- und Servicelevel-Anforderungen getroffen, nicht aus „Einsparromantik“. Gleichzeitig adressiert sie drei Megatrends, die nicht weggehen: Urbanisierung, Digitalisierung, Demografie.
Das passte perfekt zu dem, was Monika Gindl-Muzik aus dem Terminalalltag der WienCont zeigte: Kapazitäten sind begrenzt, Expansionsflächen nicht unendlich. Also bleibt der Weg: mehr aus Bestand holen – durch Digitalisierung, Automatisierung, bessere Abläufe. Und: Förderlogiken müssen zur Realität passen, sonst bleiben klimafreundliche Maschinen im Terminal schlicht „unerschwinglich“.















(c) Monika Fellner
Handel & Versorgung: Offenheit für neue Rohstoffe – und ehrlich über Kosten reden
Laurenz Hoffmann (ALIMENTASTIC) brachte eine Perspektive, die im Logistikdiskurs oft zu kurz kommt: Kreislauf heißt auch, dass wir als Konsument:innen und als Markt offener werden müssen – für neue Rohstoffe, neue Verwertung, neue Akzeptanz. Sein Beispiel aus der organischen Reststoffverwertung (Insektenprotein als Rohstoffbasis) war bewusst provokant, aber genau deshalb wertvoll: Kreislauf gelingt nicht nur technisch – sondern auch kulturell und über Marktmechaniken. Und er hat einen Punkt gemacht, der in vielen Runden gefallen ist: Scope 3 wird den Handel stärker in Verantwortung ziehen und damit entstehen neue Chancen, wenn Lösungen wirtschaftlich tragfähig werden.
Schiene: Miteinander statt Wunschkonzert
Patrizia Langer (adesso rail) brachte die Schienenrealität direkt und ohne Schönreden: Unterschiedliche Regulatorik, operative Hürden, Energiekosten – und die klare Aussage: Straße und Schiene werden beide gebraucht, aber der Schienengüterverkehr braucht bessere Rahmenbedingungen, Nachwuchs und vor allem Kooperation, weil „alleine geht’s nicht mehr“.

(c) Monika Fellner
Micro Events, Content Hub – und Graz als nächstes Level
Der KitchenTalk war bewusst Auftakt. Wir spielen die relevanten Themen übers Jahr weiter – mit Micro Events und Content Marketing im ILS365 Content Hub. Und im Herbst drehen wir das Ganze auf: beim ILS Main Event in Graz (13.–15. Oktober 2026, Helmut List Halle / Smart City Graz) gehen wir tiefer rein, interaktiver, out of the box – und mit dem Anspruch, dass aus Diskussionen Handlungsperspektiven werden.
Wenn du beim KitchenTalk dabei warst: Danke fürs Mitdenken. Wenn nicht: Das war erst der Anfang.

