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Wenn Abhängigkeiten zum Risiko werden | Sebastian Kummer, WU Wien

Was passiert, wenn geopolitische Eskalation auf fragile Lieferketten, digitale Verwundbarkeit, steigende Energiepreise und belastete Infrastruktur trifft?

Univ.-Prof. Sebastian Kummer, Leiter des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, analysiert in seinen zwei aktuellen Videos die Auswirkungen des Irankonflikts sowie den historisch niedrigen Wasserständen auf unsere Transportwege, die aktuelle Weltwirtschaft und die internationalen Supply Chains. Seine zentrale Botschaft ist dabei klar, denn Krisen wirken längst nicht mehr nur isoliert. Sie treffen meist gleichzeitig auf dieselben Systeme und zwingen so Unternehmen und Staaten, ihre Abhängigkeiten komplett neu zu bewerten.


Die Straße von Hormuz zählt zu den sensibelsten Knotenpunkten unserer globalen Energie- und Warenströme. Entsprechend weit reichen auch die Folgen, wenn die Sicherheit und Planbarkeit dort nicht mehr gewährleistet sind. Gleichzeitig zeigt sich momentan auch eine zweite Verwundbarkeit, und das quasi direkt vor unserer Haustür: Die niedrigen Wasserstände auf der Donau beeinträchtigen nicht nur die Binnenschifffahrt sondern erhöhen auch den Druck auf alternative Verkehrswege.

Zwei völlig unterschiedliche Entwicklungen und doch haben sie dieselbe Herausforderung. Sie werfen die Frage auf, wie resilient denn eigentlich unsere Lieferketten sind, wenn die bisher gewohnten Systeme gleichzeitig unter Druck geraten?

Eine Meerenge wird zum strategischen Druckpunkt

Kummer verweist vor allem auf Angriffe auf Schiffe, die möglichen Minengefahren und auch veränderte Schiffsbewegungen rund um die Straße von Hormuz. Die Passage ist seit dem Start des Konflikts zwar nicht vollständig zum Erliegen gekommen, dass man hier aber von einem global verlässlichen und planbaren Transportkorridor sprechen kann, ist jedoch kaum möglich.

„Es fahren jeden Tag Schiffe durch die Straße von Hormuz. Die meisten nehmen eine nördliche Route, was darauf schließen lässt, dass die Reise mit dem Iran abgestimmt wurde.“

Für die internationalen Supply Chains liegt genau darin ein Problem. Denn solange eine Route grundsätzlich offen ist, sind die umfassenden Umleitungen extrem teuer. Gleichzeitig kann aber auch ein einzelner Zwischenfall die Risikobewertung, sowie Versicherungsprämien und Routenplanungen kurzfristig massiv verändern. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur ob eine Route offen ist, sodnern auch wie belastbar sie auf Dauer ist.

Daten werden zum Sicherheitsrisiko

Besonders bemerkenswert ist auch ein neues Phänomen, das Kummer als „AIS-Trolling“ beschreibt. Das Automatic Identification System dient normalerweise dazu, die verscheidenen Positionen, Kurse und Identitäten der Schiffen für alle sichtbar zu machen und so vor allem Kollisionen zu vermeiden. Laut Kummer tauchen jedoch immer mehr manipulierte Datensätze mit fiktiven Schiffsnamen und unrealistischen Bewegungen auf. Anders als beim “klassischen” AIS-Spoofing, bei dem reale Positionen verschleiert oder verändert werden, scheinen hier aber bewusst nicht existierende Schiffe erzeugt zu werden.

Wer hinter solchen Manipulationen steht, ist bis heute ein Mysterium. Entscheidend ist aber eigentlich, was sie sichtbar machen. Das moderne Logistik eben nicht nur von den Häfen, Straßen, Schienen oder Schiffen abhängt, sondern zunehmend auch von der Verlässlichkeit unserer digitalen Informationen. Denn wenn Echtzeitdaten über Routen und Warenströme nicht mehr verlässlich sind, kann die Datenintegrität selbst zu einer kritischen Infrastruktur werden.

Die Krise wandert durch die Wertschöpfungskette

Die wirtschaftlichen Auswirkungen zeigen sich laut dem Professor auch über unsere Energie- und Rohstoffpreise. Denn das Rohöl sowie auch die daraus produzierten Energieträger reagieren unmittelbar auf die zahlreichen Unsicherheiten rund um die Golfregion. Auch Aluminium und Düngemittel werden von ihm als sensible Güter erwähnt. Preisveränderungen bleiben heir auch nicht nur auf die einzelnen Branchen begrenzt. Sie wirken entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette weiter, sei es vom Fahrzeug- und Maschinenbau bishin zur Landwirtschaft.

Gleichzeitig beobachtet er auch bei anderen Industriemetallen die wiederum sinkenden Preise. Das wiederum sei aber kein Entspannungssignal, sondern kann tatsächlich auf eine schwächere Nachfrage hindeuten.

„Das ist ein deutlicher Indikator für die schwache Konjunktur.“

Damit treffen momentan vor allem zwei Entwicklungen aufeinander. Einerseits die höheren Kosten und Risiken auf der Angebotsseite und gleichzeitig auch eine sehr viel schwächere Nachfrage in anderen Teilen der Industrie.

Niedrigwasser auf der Donau, unsere nächste Belastungsprobe

Während die momentanen, geopolitischen Spannungen unsere globalen Seerouten unter hohen Druck setzen, zeigt sich jedoch eine zweite Herausforderung mittendrin bei uns in Europa. Niedrige Wasserstände auf der Donau. Für die Logistik sind diese Auswirkungen unmittelbar. Denn sinkt der Pegel, können unsere Schiffe nicht mehr voll beladen werden, welches einen Rückgang der verfügbaren Transportkapazität bewirkt, während die Kosten pro transportierter Tonne steigen.

Besonders relevant ist das für die Branchen, die vor allem große Mengen schwerer Güter über Wasser bewegen müssen, wie zum Beispiel Stahl, Chemie, Baustoffe oder Rohstoffe.

Und was nicht mehr über unsere Wasserstraßen transportiert werden kann, muss so auf andere Verkehrsträger ausweichen. Bahn und Lkw werden damit zu einem Ausweichsystem welche jedoch ebenfalls nur begrenzte Kapazitäten aufweisen.

Und genau hier verbinden sich die aktuellen Krisen. Wenn unsere globalen Seeverkehre unsicherer werden, die Energiepreise massiv ansteigen und gleichzeitig zentrale europäische Wasserstraßen weniger Transportkapazität bietem, entstehen hier nicht nur einzelne Störungen. Es entsteht ein extrem großer Druck auf unser gesamtes System und das Niedrigwasser betrifft dabei nicht nur unsere lokale Logistik. Es kann gleichzeitig auch die Energieproduktion, unsere industrielle Versorgung und die Produktionsplanung beeinflussen.

Neue Bedrohungen verändern den Resilienzbegriff

Eine weitere Entwicklung sieht Kummer auch in der immer mehr zunehmenden Bedeutung von Drohnen und in der asymmetrischen Kriegsführung. Moderne Systeme ermöglichen mittlerweile Angriffe auf ferne Häfen, Schiffe oder auch kritische Infrastruktur Entfernung und das ohne klassische militärische Überlegenheit.

„Wenn diese Drohnenangriffe auf Schiffe Schule machen, können Meeresengen und Küstenabschnitte angegriffen werden, an die wir heute noch gar nicht denken.“

Für Unternehmen erweitert sich die Resilienz somit sehr deutlich. Es geht dort dann nicht mehr nur um einen zweiten Lieferanten oder eine alternative Transportstrecke, sondern auch um Cybersecurity, Datenintegrität, eine intakte Energieversorgung sowie kritische Infrastruktur und neue physische Bedrohungsszenarien, welche zusammengedacht werden müssen. Das Supply-Chain-Management wird damit also zunehmend zu einem strategischem Risikomanagement.

Effizienz allein reicht nicht mehr

Ob auf der Straße von Hormuz oder die Donau, die momentanen Entwicklungen zeigen dieselbe strukturelle Herausforderung auf völlig unterschiedliche Weise auf. Denn Lieferketten wurden über Jahrzehnte hinweg auf Effizienz und Geschwindigkeit als auch auf niedrige Kosten optimiert. Aktuelle geopolitische Konflikte, klimatische Veränderungen, Energieabhängigkeiten und digitale Risiken verändern jedoch die Rahmenbedingungen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr ausschließlich wie effizient ein System ist, sondern wie es funktioniert, wenn ein Teil davon plötzlich nicht mehr verfügbar ist.

Zusätzliche Transportwege, alternative Energieversorgung und eine belastbare Infrastruktur verursachen immer mehr Kosten. Und fehlende Alternativen können so vor allem im Krisenfall noch um ein Vielfaches mehr an Ausgaben verursachen. Resilienz wird so von einem Kostenfaktor zu eienm strategischen Wettbewerbsfaktor.

Wie viel Abhängigkeit verträgt Europa? Was kostet Resilienz wirklich? Und wie müssen Verkehr, Energie und kritische Infrastruktur zusammenspielen, wenn gewohnte Systeme unter Druck geraten?

Genau diese Fragen stehen auch beim ILS Main Event 2026 von 13. bis 15. Oktober in Graz im Zentrum. Unter dem Leitmotiv „Digital Confirmation – Navigating Reality. Creating Impact. Break into Tomorrow.“ geht es um den Praxistest. Welche Lösungen funktionieren nicht nur theoretisch, sondern auch unter realen wirtschaftlichen, technologischen und geopolitischen Bedingungen?

Sebastian Kummer bringt diese Perspektive am 14. Oktober im Schwerpunkt Infrastruktur & Mobilität auf die Main Stage. Gemeinsam mit Stimmen aus Wissenschaft, Industrie, Verkehr und Wirtschaft geht es auf der Bühne um Geopolitik, Kostenwahrheit und kritische Infrastruktur. Und um die konkrete Frage, was ein resilienter Standort zwischen Schiene, Straße, Energie und Industrie heute tatsächlich braucht.

Vom geopolitischen Druck auf die Straße von Hormuz bis zum Niedrigwasser auf der Donau wird dabei eines deutlich. Resilienz beginnt nicht erst, wenn eine Lieferkette zusammenfällt. Sie entscheidet sich genau dort, wo wir Abhängigkeiten erkennen und somit Alternativen schaffen, bevor diese Systeme an ihre Grenzen stoßen.

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