Hunderte Menschen stehen in der Helmut List Halle, zwei Finger vor den Augen, die Augen geschlossen. „Startet euren Traum“, ruft Nils Müller. „Wie sieht eure Welt aus im Jahr 2035?“ Christian Clerici hatte ihn als Gast angekündigt, der „aus der Zukunft kommt“. Der Gründer und CEO von TrendOne hielt Wort und machte aus dem Finale eine Zeitreise.
Graz, Oktober 2035
Als der Saal die Augen wieder öffnet, ist er angekommen. „Erste gute Nachricht: Ihr dürft euch wieder hinsetzen. Zweite: Ihr seid alle noch da.“ Dann malt Müller das Bild. Computer sind unsichtbar geworden, Informationen legen sich wie ein digitaler Nebel über die echte Welt. Roboter bauen Städte, kommissionieren, liefern, kochen. Autonome Fahrzeuge geben Zeit zurück, Quantencomputer lösen Aufgaben, an denen heutige Rechner scheitern. Und die Medizin macht ein längeres, gesünderes Leben möglich.
Zu schön, um wahr zu sein? Müller holt das Publikum gleich wieder auf den Boden. „Ist es möglich, die Zukunft vorherzusagen? Ist nicht möglich.“ Dann zählt er die Brüche auf, die niemand kommen sah. Die Credit Suisse, eines der renommiertesten Finanzhäuser der Welt, war plötzlich weg. Die Silicon Valley Bank, die Hausbank der Start-up-Szene, verschwand innerhalb weniger Tage. Blackouts legten Berlin und Spanien lahm. Niemand weiß, wann Quantencomputer heutige Verschlüsselung knacken. Und Fake News zählt das World Economic Forum zu den größten Risiken überhaupt, weil sie Vertrauen zerstören, auch das Vertrauen, auf dem der Handel beruht.
Dann wird es geopolitisch. In einer Welt, die sich fragmentiert, hängt Europas Industrie an Hochleistungschips aus Taiwan, ob Logistik, Mobilität oder Rechenzentren. Spitzt sich die Lage dort zu, „dann ist hier in Europa Eiszeit“, warnt Müller. Solche Wildcards machen jede Prognose zur Wette. Was Unternehmen aber können: Trends früh lesen und die Zukunft selbst bauen, mit jeder Investition und jeder Partnerschaft, die sie heute eingehen. Und sie sollten sich anschnallen. „Wenn die letzten zehn Jahre euer Leben durcheinandergebracht haben, werden die nächsten zehn Jahre euer Leben hyperloopen.“

Die Intelligenzökonomie kommt
Müller zoomt hinaus, ein paar Jahrhunderte zurück. Damals arbeiteten fast alle auf dem Feld, dann in der Fabrik, heute im Büro, in der Wissensökonomie. Jetzt folgt der nächste Sprung. Intelligenz wird skalierbar und für alle verfügbar. Vorne liegen die Unternehmen, die vier Dinge zusammenbringen: Talente, Daten, Algorithmen und physische KI.
Und die physische KI steht in diesem Moment schon auf der Bühne. Ein Humanoider tanzt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Ein Kollege schnallt sich ein Exoskelett um und hebt eine Last, die sich für ihn plötzlich leicht anfühlt. Roboterhunde marschieren im Gleichschritt. Müller erklärt, wofür sie gebaut sind: nächtelang Gleise kontrollieren, Treppen steigen, Werkzeug schleppen. Dann steigt er selbst auf einen größeren Vierbeiner, gedacht für Feuerwehreinsätze an Orten, an die kein Mensch mehr kann, und lässt sich über die Bühne tragen. Zum Schluss rollt ein Lieferroboter herein, die Antwort auf die letzte Meile, für die in der Logistik ohnehin die Leute fehlen.

Mut zur Panne
Wie fängt man an? Müllers Rezept ist erstaunlich bodenständig. Im eigenen Betrieb die Abläufe filmen, die sich täglich wiederholen. Schauen, was anderswo schon läuft. „Die Zukunft ist oft schon da, bloß in einem anderen Land oder in einer anderen Industrie.“ Und dann ausprobieren. Im deutschsprachigen Raum wolle man alles perfekt machen, sagt Müller, bei Innovation gehe das nicht. Er zeigt Videos aus Forschungslabors, in denen Roboter umkippen und Tests schiefgehen, und der Saal lacht. Einmal im Jahr baut sein Team mit den Kindern der Mitarbeitenden Roboter in der Büroküche. Manches klappt, manches nicht, gelernt wird aus beidem.
Was bleibt dem Menschen, wenn Maschinen so viel können?
Clerici fragt nach dem Humor, den Maschinen nicht beherrschen. Müller ist sich sicher: Je mehr sich automatisieren lässt, desto wertvoller werden Empathie, Humor, Beziehung und Kreativität. „Im Endeffekt geht es um die Fähigkeit von Menschen, zusammenzuarbeiten in großen Gruppen.“ Clerici hat das letzte Wort, und es ist ein Satz vom Vortag: „Optimismus ist keine Krankheit und Zuversicht ist nicht naiv.“ Damit war das ILS Main Event 2026 in der Zukunft angekommen.




