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Christian Clerici über Energie, Mobilität und Europas Zukunft

Infrastruktur ist längst mehr als Straßen, Schienen und Brücken. Sie verbindet Energie, Mobilität, Digitalisierung und Logistik zu einem vernetzten Gesamtsystem und wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts. Dabei geht es um Wettbewerbsfähigkeit, neue Technologien, globale Abhängigkeiten und die Frage, wie wir die Chancen der Transformation erfolgreich nutzen können.

Im Gespräch mit Christian Clerici werfen wir einen Blick auf die Zukunft von Infrastruktur, Mobilität und Energie.


Warum ist Infrastruktur heute weit mehr als der Ausbau von Straßen und Schienen und welche Bedeutung hat sie für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes?

Im Dezember 2025 ist etwas passiert, das in kaum einer Nachrichtensendung vorkam. In China wurden erstmals mehr elektrische Lkw neu zugelassen als Diesel-Lkw – 54 Prozent Marktanteil in einem einzigen Monat, 231.000 Fahrzeuge im Gesamtjahr, ein Plus von 182 Prozent. Der schwere Güterverkehr, jahrzehntelang das vermeintlich letzte Refugium des Verbrenners, kippt gerade. Nicht, weil es eine Klimakonferenz beschlossen hätte, sondern weil die Betriebskostenrechnung eindeutig dafür spricht. Ich glaube, dass genau hier die Geschichte beginnt, die für uns in Europa ganz wichtig ist. Transformation ist kein spinnerter Luxus, den wir uns leisten können oder wollen, weil wir sonst keine Probleme haben, sondern eine „Überlebensstrategie“, ohne die wir einfach den Anschluss verlieren!

Welche Rolle spielt Mobilität im Zusammenspiel mit Energieversorgung, Digitalisierung und technologischer Entwicklung?

Mir kommt vor, wie reden über Infrastruktur noch immer so, als wäre sie ein Bauprojekt. Wenn jemand Infrastruktur sagt, denken alle sofort an Straßen, Schienen, Brücken, fertig. Ich finde, das greift viel zu kurz. Tatsächlich ist sie doch das Betriebssystem unseres Wirtschaftsstandorts. Und wie bei jedem Update, gibt es anfänglich Unsicherheit, ob es auch hält, was es verspricht. Das Update in diesem Bild verschmilzt Energie, Mobilität, Digitalisierung und Logistik zu einem einzigen vernetzten Ganzen. Ein Ladepark an der Autobahn ist eben nicht nur eine„Tankstelle mit Stecker“. Er ist Netzknoten, Pufferspeicher, Datenplattform und Logistikdrehscheibe in einem.

Das Megawatt-Ladesystem MCS lädt schwere Lkw mit bis zu 3,75 Megawatt. Milence, das Joint Venture von Daimler Truck, Traton und Volvo, betreibt bereits 34 Ladeparks in acht Ländern und baut Korridore von Antwerpen bis Stockholm, von Paris bis Berlin. Das ist nicht Zukunftsmusik sondern Gegenwart. Die ersten Serien-E-Lkw sind diese Strecken heuer im Frühjahr gefahren. Im Regelbetrieb.

Wie beeinflussen geopolitische Entwicklungen, Rohstoffverfügbarkeit und neue globale Abhängigkeiten die Wettbewerbsfähigkeit Europas?

Batteriepacks kosteten 2025 im Schnitt 108 Dollar pro Kilowattstunde, das sind acht Prozent weniger als im Jahr davor,. Die magische 100-Dollar-Marke ist bei Elektroautos bereits unterschritten. Das ist keine Momentaufnahme, das ist eine Lernkurve, denn jede Verdopplung der Produktion senkt die Kosten um rund 20 Prozent. Rohstoffe werden teurer, je tiefer man gräbt, Technologien werden billiger, je öfter man sie baut. Gegen diese Arithmetik hilft kein Positionspapier. Man kann das in Europa bei den Neuzulassungen schwerer E-LKWs auch schon ganz deutlich spüren, die Zulassungen sind in 2025 um über 70% gestiegen. Im Segment zwischen 3,5 und 12 Tonnen hat sich der Elektro-Anteil auf 21 Prozent verdoppelt. Von chinesischen Verhältnissen sind wir zwar weit entfernt, aber die Richtung ist eindeutig und sie ist unumkehrbar. Das sollte also allen zu denken geben, die immer noch aus ideologischen Gründen viel Wirbel und Aufregung verursachen. Das Letzte was wir brauchen können sind Bremser!!

Warum reicht das bisherige Verständnis von Kostenwahrheit nicht mehr aus und wie sollte sie künftig entlang von Energie, Mobilität und Lieferketten betrachtet werden?

Wenn wir über Wettbewerbsfähigkeit reden, müssen wir auch über fossile Energieimporte reden. Und zwar deutlich, damit man ein Gefühl für die Dimensionen bekommt.  Wir haben in 2025 für rund 340 Milliarden Euro für So fossile Energieimporte ausgegeben. DREIHUNDERVIERZIG MILLIARDEN!!! Das ist fast eine Milliarde Euro pro Tag. Das ist Geld, das Wertschöpfung, Arbeitsplätze und geopolitische Verhandlungsmacht finanziert. Nur leider nicht bei uns! Wir müssen also, wenn’s wirklich um Kostenwahrheit geht, darüber reden, was uns diese Art der Abhängigkeit eigentlich kostet, was das für Standortnachteile zur Folge hat.

Jeder elektrische Kilometer verlagert Wertschöpfung von der Importrechnung in die heimische Infrastruktur. Wind- und Solarstrom haben Europa letztes Jahr über 50 Milliarden Euro an fossilen Importen erspart. Energiepolitik ist also Standortpolitik in Reinkultur. Und Ladeinfrastruktur eigentlich Industriepolitik. Gut, man muss natürlich auch die Gegenrechnung machen, denn Europas Stromnetze brauchen bis 2030 Investitionen von rund 584 Milliarden Euro, 40 Prozent der Verteilnetze sind älter als 40 Jahre. Das klingt gewaltig, ist aber Kapital, das im eigenen System bleibt, statt jährlich in Förderländer zu fließen. Und auch in der Größenordnung zu hinterfragen, denn schaffen wir es unsere Energiesysteme bidirektional zu denken und zu bauen, werden wir deutlich weniger „Kupfer verlegen“ müssen, als antizipiert.

Welche Chancen ergeben sich durch die intelligente Vernetzung von Energie, Ladeinfrastruktur, Speichertechnologien, Logistik und Mobilität – und warum ist es gerade jetzt entscheidend, sektorübergreifend zu denken und bestehende Silos aufzubrechen?

Was mich an Transformation so fasziniert, ist die Aussicht auf eine „bessere Welt“, die Gewissheit, dass wir dazu in der Lage sind. Nicht aus einer romantisierenden Blauäugigkeit heraus, sondern der Überzeugung, dass wir, wenn wir alles , was wir wissen, haben und können zusammentun, sehr, sehr viel Erreichen können. Wem es NICHT darum geht, lebenswerte Verhältnisse zu schaffen, soll es laut und deutlich sagen, soll sich mit seinen bedenken zum Teufel scheren, aber vor allem aufhören zu verunsichern und Ängste zu schüren, die uns keinen Schritt weiterbringen.

Elektrifizierter Schwerverkehr ermöglicht ja nicht nur saubere  Mobilität, sonder ist auch ein riesengroßer rollender Speicher. Logistikhubs werden vom Umschlagplatz, zu Energieknoten mit Photovoltaik, Batteriespeichern und intelligentem Lastmanagement. Wenn heute Depots geplant werden, könnte man auch sagen: hier werden Kraftwerke gleich mitgedacht. Wer Netze plant, plant Logistik mit. Wer das eine ohne das andere denkt, baut die Engpässe von morgen.

Genau deshalb braucht es Orte, an denen Energiewirtschaft, Logistik, Wissenschaft und Politik an einem Tisch sitzen. Damit meine ich nicht getrennten Panels, sondern echten Austausch. Das ILS Main Event ab 14. Oktober ist der perfekte Ort, um all das zu diskutieren. Geopolitik, Rohstoffe, Kostenwahrheit, vernetzte Systeme., wir führen Expertise aus Wissenschaft, Technologieentwicklung und Praxis zusammen.

Meine Haltung zur Zukunft und zu den Chancen in Europa ist unverändert optimistisch. Wir haben die Ingenieure, das Kapital und den Binnenmarkt, um diese Transformation zu gestalten, was wir uns aber nicht leisten können, ist Zaudern, wankelmütige Politik und schlechte Stimmung. Die Elektrifizierung des Verkehrs ist ja keine Wette auf die Zukunft, sondern ein betriebswirtschaftliches MUSS.

Wir können uns also immer noch dafür entscheiden, ob wir eine Erfolgsgeschichte schreiben wollen, oder irgendwann nur noch Passagiere einer Entwicklung sind, die wir mit mangels Zuversicht, Optimismus und Selbstgefälligkeit verpasst haben.

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