Rund 1 Million Tonnen Lebensmittel werden in Österreich jährlich weggeworfen. Mehr als die Hälfte dieser Abfälle entsteht in privaten Haushalten. Das bedeutet: Pro Österreicher:in landen jedes Jahr etwa 40 bis 75 Kilogramm Lebensmittel im Müll.
Trotz vieler Initiativen entlang der gesamten Wertschöpfungskette bleibt die Menge hoch. Genau deshalb braucht es Räume, in denen Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, soziale Organisationen und Unternehmen gemeinsam an Lösungen arbeiten. Der Food Waste Stakeholder Round Table bei IKEA Wien Nord war ein solcher Raum.
Moderiert von Thomas Weber, Herausgeber von Biorama, brachte IKEA Österreich Vertreter:innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, um aktuelle Herausforderungen, Daten, Lösungsansätze und operative Realitäten rund um Lebensmittelverschwendung zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen nicht nur Zahlen, sondern vor allem die Frage: Wie wird aus Bewusstsein echte Wirkung?

Lebensmittelverschwendung beginnt nicht erst beim Wegwerfen
Food Waste entsteht entlang vieler Schnittstellen: in der Produktion, im Handel, in der Gastronomie, in Großküchen, bei Konsument:innen und in privaten Haushalten. Gerade in Österreich und Europa liegt ein besonders großer Hebel bei den Haushalten. Mehr als 50 Prozent der Lebensmittelabfälle entstehen dort, wo Einkaufsplanung, Lagerung, Haltbarkeitsdaten, Portionsgrößen und Alltagsroutinen aufeinandertreffen.
Beim Round Table wurde klar: Viele Menschen möchten Lebensmittel bewusster nutzen. Oft fehlen aber einfache Lösungen, Orientierung oder Strukturen. Transparente Vorratsdosen, bessere Sichtbarkeit im Kühlschrank, wiederverwendbare Aufbewahrungslösungen oder Wissen über richtige Lagerung können im Alltag bereits einen Unterschied machen.
Genau hier setzt IKEA auch auf Produkte und Kommunikation, die Konsument:innen helfen sollen, Lebensmittel länger nutzbar zu halten und besser zu organisieren. Denn Food Waste ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern auch ein Design-, Bildungs- und Verhaltensproblem.
Daten machen Food Waste sichtbar
Ein besonders praxisnaher Einblick kam aus dem IKEA Food-Bereich. IKEA Österreich arbeitet seit Jahren daran, Lebensmittelabfälle in den Restaurants messbar und steuerbar zu machen. Dabei geht es nicht nur darum, Abfälle zu erfassen, sondern die Ursachen zu verstehen.
Im Einsatz ist ein KI-gestütztes Waste-Watcher-System, das sogenannte Pre-Consumer-Waste in der Küche erkennt, wiegt und kategorisiert. Mitarbeitende bestätigen die erkannten Produkte, wodurch nachvollziehbar wird, welche Lebensmittel aus welchen Gründen entsorgt werden mussten: Überproduktion, abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum, Fehlproduktion oder Qualitätsgründe.
Diese Daten fließen in Dashboards ein und helfen, Produktionsplanung, Schulungen, tägliche Briefings und operative Abläufe gezielt anzupassen. Im IKEA Restaurant Wien Nord wurde beim Lokalaugenschein ein Wert von rund 8 Gramm Pre-Consumer-Waste pro Kund:innen-Ticket genannt. Gleichzeitig wurde deutlich: Reduktion darf nicht zulasten der Qualität gehen. Nachhaltigkeit muss im realen Betrieb funktionieren.


Kreislaufwirtschaft braucht operative Realität
Kreislaufwirtschaft klingt oft nach großen Strategien. In der Praxis entscheidet sie sich aber im Detail: Wie viel wird produziert? Wann wird nachproduziert? Wie lange darf ein Produkt in der Ausgabe bleiben? Welche Mengen können über Too Good To Go weitergegeben werden? Welche Speisen eignen sich für soziale Organisationen? Wo sind Hygienevorgaben, Kühlketten und Abholzeiten entscheidend?
Gerade hier zeigt sich: Ohne Logistik funktioniert keine Nachhaltigkeit.
Lebensmittelrettung braucht funktionierende Prozesse. Sie braucht Timing, Kühlung, Lagerung, Transport, Übergabepunkte, Verantwortlichkeiten und verlässliche Partner. Das gilt für große Gastronomiebetriebe genauso wie für soziale Initiativen.
Organisationen wie Caritas Le+O zeigen, wie ökologische Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zusammenspielen können. Le+O rettet jährlich große Mengen an Lebensmitteln und gibt sie an Menschen weiter, die Unterstützung benötigen. Gleichzeitig wurde im Round Table klar: Die Weitergabe funktioniert nur, wenn Logistik, Kühlkette, Standortnähe, Personal und rechtliche Rahmenbedingungen zusammenspielen.
Nachhaltigkeit ist auch eine Netzwerkleistung
Der Round Table machte deutlich: Food Waste kann nicht isoliert gelöst werden. Es braucht Kooperationen zwischen Unternehmen, Wissenschaft, Handel, Gastronomie, Landwirtschaft, sozialen Organisationen, Technologieanbietern und Politik.
Wissenschaftliche Perspektiven der BOKU, internationale Einschätzungen des Thünen-Instituts, Umweltperspektiven des WWF, soziale Realitäten der Caritas und operative Einblicke von IKEA haben gezeigt: Jeder Bereich sieht einen anderen Ausschnitt des Problems. Erst im Zusammenspiel entsteht ein vollständigeres Bild.
Genau darin liegt auch die Relevanz für die ILS: Als Netzwerk an der Schnittstelle von Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung, Bildung und Medien versteht sich die Independent Logistics Society als Plattform für nachhaltige Wertschöpfung, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft in der Logistik.
Warum Food Waste ein Logistikthema ist
Lebensmittelverschwendung ist nicht nur eine Frage von Konsumverhalten. Wer Food Waste reduzieren will, muss wissen:
- Wo entstehen Überschüsse?
- Wie werden Mengen geplant?
- Welche Daten stehen zur Verfügung?
- Wie schnell können Lebensmittel weitergegeben werden?
- Welche Kühlketten müssen eingehalten werden?
- Wer übernimmt Transport, Lagerung und Verteilung?
- Welche Netzwerke sind verfügbar, bevor Lebensmittel entsorgt werden?
Damit wird Food Waste zu einem Thema, das mitten in die Kernkompetenz der Logistik führt: Ressourcen zur richtigen Zeit, in der richtigen Qualität, am richtigen Ort verfügbar zu machen – oder eben vor der Verschwendung zu bewahren.
Diese Perspektive passt direkt zu den ILS-Schwerpunkten Nachhaltigkeit & Circular Economy sowie Smart Logistics & Technologie. Für ILS2026 stehen genau diese Fragen im Zentrum: Welche Lösungen tragen unter realen Bedingungen? Wie werden Nachhaltigkeit, Daten, Infrastruktur und operative Umsetzbarkeit miteinander verbunden? Die ILS beschreibt Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft als kontinuierlichen Austausch, der reale Best Practices sichtbar macht und über das Netzwerk weiterentwickelt.
Von der Diskussion zur Wirkung
Der IKEA Stakeholder Round Table hat gezeigt: Die Reduktion von Food Waste braucht Messbarkeit, Bewusstsein, Führung, operative Prozesse und Netzwerke.
Sie braucht Unternehmen, die bereit sind, ihre Systeme offenzulegen. Sie braucht Forschung, die Daten liefert. Sie braucht soziale Organisationen, die Lebensmittel dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Sie braucht Konsument:innen, die im Alltag unterstützt werden. Und sie braucht Logistik, die all diese Punkte verbindet.
Denn am Ende geht es nicht nur darum, weniger wegzuwerfen. Es geht darum, Ressourcen wertzuschätzen, Kreisläufe zu schließen und Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu übernehmen.
Food Waste ist eine Systemfrage. Und Systeme verändern wir nur gemeinsam.
